So lernen Hunde - Grundlagen der Ausbildung

1. Lernen und Motivation

2. Timing, Handlungsketten und Signalkontrolle

3. Trainingsaufbau, Shaping und variable Bestärkung

1. Lernen und Motivation

Wie wir Menschen können Hunde ein Leben lang dazulernen. Ihr Verhalten ist nicht starr festgelegt, sondern sie können sich wechselnden Umweltbedingungen anpassen. Nicht umsonst ist der Vorfahr unserer Hunde, der Wolf, das Raubtier mit der größten Ausbreitung, mal abgesehen davon, dass er vom Menschen fast ausgerottet wurde. Um in den unterschiedlichsten Lebensräumen und -bedingungen leben zu können, muss ein Lebewesen sein Verhaltensinventar variabel einsetzen und erfolgreiche Strategien entwickeln können. Dazu ist erst einmal ein Gedächtnis nötig. Außerdem müssen für die Arterhaltung positive und negative Erfahrungen unterschieden und das Verhalten entsprechend angepasst werden. Auch müssen die entsprechenden Sinneseindrücke mit den passenden Situationen verknüpft werden. Das hört sich banal an, ist es aber durchaus nicht, wenn wir daran denken, dass wir bei Seekrankheit die Übelkeit mit bestimmten Gerüchen oder Speisen verknüpfen, nicht jedoch mit dem Anblick eines Schiffes.

Die einfachste Form des Lernens ist die Gewöhnung. Der Hund lernt, völlig passiv, gleichmäßig wiederholte Reize (z.B. den Anblick einer Katze) nicht mehr weiter zu beantworten. Gewöhnung ist für uns als Hundehalter von daher wichtig, dass wir unsere Hunde von klein auf an alles mögliche gewöhnen müssen, damit unsere Vierbeiner in einer reizüberfluteten Umwelt klarkommen.

Eine spezielle Form des Lernens, die auch bei uns Menschen eine wichtige Rolle spielt, ist an relativ eng begrenzte Lebensabschnitte gebunden. Nie wieder lernen wir Menschen eine Sprache so leicht wie in unserer frühen Kindheit und Versäumtes wird später nur schwer oder gar nicht angeeignet.

Prägung: Form des Lernens, bei dem die auslösende Reizsituation in einer bestimmten Lebensphase erlernt werden müssen und ein späteres Umlernen kaum oder gar nicht mehr möglich ist.
Bekannt ist die die Nachfolgeprägung bei Nestflüchtern. Die sensible Phase ist bei Gänseküken auf etwa 24 h beschränkt, das Lernergebnis ist irreversibel und bei Ausfall treten schwere Verhaltensstörungen auf.

So ist wohl auch jedem klar, dass wahre Virtuosität beim Spielen von Musikinstrumenten nur erreicht werden kann, wenn die Grundlagen schon in der Kindheit gelegt werden - ganz abgesehen von zusätzlich nötigen Eigenschaften wie z.B. Talent, Disziplin und Fleiß

All das trifft noch in viel stärkerem Maße auf unsere Hunde zu. Die Grundlagen allen Verhaltens werden in den ersten Lebenswochen gelegt. Was hier gelernt oder auch nicht gelernt wird, bestimmt das ganze weitere Leben eines Hundes und somit auch unser Zusammenleben mit ihm. Diese Form des Lernens nennt man prägungsähnliches Lernen. Bestimmte Verhaltensmuster, wie Beutefangverhalten oder Verhalten, das der Verständigung zwischen den Hunden dient, sind genetisch programmiert, müssen aber in einer sogenannten sensiblen Periode trotzdem gelernt werden. Werden z.B. Hunde von Hand aufgezogen und haben bis zur 16.Woche keinen Kontakt zu ihren Artgenossen, so sind sie zu normalem, sozialem Verhalten nicht fähig und lernen das auch später nicht mehr.

Eine der Grundlagen des Lernens bei Hunden ist die klassische Konditionierung. Wohl die meisten Hunde reagieren mit Bellen auf den speziellen Klang der eigenen Haustürglocke. Hier wurde die angeborene Reaktion "Fremder kommt, Hund bellt" mit dem Klingeln verknüpft. Irgendwann bellt der Hund auch dann, wenn er dasselbe Klingeln oder ein ähnliches im Fernseher hört. Er ist auf ein bestimmtes Klingeln konditioniert, die Reaktion ist das Bellen. Etwas Ähnliches ist die aggressive Reaktion eines Hundes darauf, dass er beim Anblick eines fremden Hundes an der Leine herangezogen wird. Irgendwann genügt der Zug am Halsband, um aggressives Verhalten gegenüber fremden Hunden auszulösen.

Auf diese Weise können wir unserem Lumpi z.B. das Bellen auf Befehl beibringen. Sagen wir immer gleichzeitig mit dem Türklingeln das Wort LAUT, so wird Lumpi nach einer Weile auch dann bellen, wenn wir LAUT sagen, ohne dass es klingelt.

Damit der Hund jedoch auch Handlungsabläufe wie das Apportieren eines Gegenstandes auf unser Kommando hin ausführt, sind komplexere Formen des Lernens notwendig. Voraussetzung dafür ist, dass unser Hund uns innerlich zugewandt ist und eine positive Erwartungshaltung hat. Angela White, eine bekannte Hundeausbilderin in England, nennt dies das Wollen des Hundes.

Das Wollen

Das erste, was wir bei der Ausbildung unseres Hundes erreichen sollten, ist ein Hund, der uns seine volle Aufmerksamkeit widmet, weil er etwas von uns will. In diesem Zustand ist er äußerst aufnahmebereit, agil und freudig gestimmt. Jeder von uns kennt diesen Zustand, wenn unsere Lucky mit uns spielen will oder wir ein Stückchen Wurst in der Hand halten, von dem Atos denkt, dass es für ihn bestimmt ist. Nur was tun, wenn sich unser vierbeiniger Freund weder für Leckerlies noch ein Spiel mit uns interessiert, sondern lieber einen bestimmten Geruch verfolgt? Dann sollten wir die Wichtigkeit unseres Leckerlies oder des Spiels mit uns erhöhen und die Ablenkung verringern. Dazu sind mehrere Bedingungen nötig: die richtige Rangordnung, angemessene Ernährung und die Spielfreude des Hundes.

Wie spiele ich mit meinem Hund?

Alle Welpen und Junghunde spielen. Das Spiel wird grundsätzlich als lustvoll empfunden und dient dem Einüben verschiedenster Fähigkeiten und Fertigkeiten. Im Spiel wird die Rangordnung getestet und Konflikte in harmlose Bahnen gelenkt. Im Gegensatz zu den meisten Wölfen spielen bei vielen Hunderassen auch die erwachsenen Tiere, vor allem wenn das von den Besitzern gepflegt wurde.

Die meisten Spiele unserer Hunde bestehen aus Verhaltensweisen, die mit dem Beutemachen in Zusammenhang stehen. So lieben viele Terrier alle, sich schnell von ihnen weg bewegende Gegenstände, die von der Größe her als Beute geeignet sind. Sie werden gejagt, angesprungen und wild geschüttelt. Sehr beliebt bei den meisten Hunden sind auch Zerrspiele. Die Beute wird gepackt und mit alle Kraft nach unten gezerrt. Häufig kann man beim Spiel mehrerer Hunde Verfolgungsjagden beobachten, für die wir Menschen leider viel zu langsam sind. Erlaubt ist, was Spaß macht, doch man sollte ein paar Grundregeln beachten.

1. Die Initiative zum Spiel sollte von uns Menschen ausgehen. Das bedeutet, dass wir unseren Arco normalerweise ignorieren, wenn er mit einem Spielzeug im Maul uns zum Mitspielen auffordert. Geht er dann enttäuscht weg, können wir ihn nach 2-3 min. zum Spiel auffordern und er wird sicher begeistert mitmachen.

2. Das Spiel wird immer von uns beendet. Es ist sehr wichtig, dass wir das Spiel beenden, bevor Ayla keine Lust mehr zum Weiterspielen hat. Zum einen wirkt sich das positiv auf die Stabilisierung der Rangordnung aus, zum anderen fördert es die Lust am Spiel mit uns. Spielt unser Hund nur 2 Minuten mit uns und geht dann gelangweilt weg, lässt sich die Freude am Spiel und die Dauer steigern, wenn wir das Spiel schon nach 1 Minute beenden, obwohl Ayla eigentlich noch weitergespielt hätte. Die Spielzeit kann man nach und nach steigern und bald hat man einen Hund, der ausdauernd mitspielt.

3. Das Spielzeug sollte so beschaffen sein, dass wir es immer unter Kontrolle haben, wenn wir wollen. Von daher ist das bei vielen Hunden so beliebte Ballspielen nur empfehlenswert, wenn der Ball durch eine Schnur von uns kontrolliert werden kann. Als Ausnahme davon kann man Hunden auch Dinge als Belohnung werfen, wenn sie es als Teil des Spieles ansehen, den Gegenstand uns zu bringen, wie das bei vielen Retrievern der Fall ist. Tendiert der Hund allerdings dazu aus dem Ganzen ein Fangspiel zu machen, müssen wir die Gelegenheit haben, den geworfenen Gegenstand an einer Schnur zu uns zu ziehen (unter Umständen auch mit unserem Hund am anderen Ende).

4. Die meisten Hunde lieben Spielzeug, das sie an eine Beute erinnert. Das Fangen und Packen ist am interessantesten, wenn sich die Beute vom Hund weg bewegt und dann womöglich kurz aus der Sicht verschwindet. Strengt sich unser Spielpartner so richtig an, das Spielzeug zu fangen, sollten Sie ihm den Erfolg auch gönnen, sonst wird es ihm zu langweilig. Genauso wenig sollte das Spiel zu einfach gestaltet werden.

5. Ein ganz wichtiger Punkt beim Spiel mit ihrem Hund ist die Lebendigkeit des Spiels. Hunde sind extrem empfänglich für unsere Stimmungen und lassen sich viel leichter zu einem begeisterten Spiel mitreißen, wenn wir uns ausgelassen geben. Gehen Sie aus sich heraus und genießen Sie das gemeinsame Spiel mit ihrem vierbeinigen Freund. Sollen andere Leute denken, was sie wollen, Ihr Hund sollte Ihnen das Wert sein. Lassen Sie das Spielzeug durch entsprechende Bewegungen, Geräusche und Ihre Mimik lebendig und wichtig werden.

6. Wollen Sie ein neues Spielzeug einführen, so wird das für Ihren Hund attraktiver, wenn Sie die ersten Tage immer wieder allein für 1-2 Minuten mit dem Spielzeug spielen, so dass er es sehen, aber nicht berühren kann. Ist er vor Spannung kaum noch zu bremsen, lassen Sie ihn am Spielzeug schnüffeln und es vielleicht kurz ins Maul nehmen. Danach räumen Sie es wieder weg. Nach und nach steigern Sie die Dauer des Spiels mit dem neuen Gegenstand, bis Sie es auch als Belohnung beim Üben einsetzen können.

7. Wird Ihr Hund zu grob oder heftig beim Spielen oder versucht er ernsthaft das Spielzeug gegen Sie zu verteidigen, brechen Sie sofort kommentarlos das Spiel ab. Wichtig ist, dass Sie das Spiezeug mitnehmen und wegräumen - es ist immer Ihr Besitz.

8. Spiel ist immer Spiel. Ihrem Hund sollte klar sein, dass er spielerisch Dinge darf, die im Ernstfall absolut tabu sind. Dazu gehört der häufig recht laute "Kampf" bei Zerrspielen. Zeigt Ihr Hund durch eine entsprechende Körperhaltung und Mimik an, dass er es spielerisch meint, ist es in Ordnung. Etwas anderes ist es natürlich, wenn Sie ihm einen verbotenen Gegenstand wegnehmen wollen und er beginnt darum zu kämpfen, obwohl Sie klar machen, dass Sie es ernst meinen. Auf der anderen Seite sollten auch Sie möglichst wenig Ernst ins Spiel bringen, indem sie Abbruch-Kommandos wie NEIN, PFUI, AUS usw. verwenden, nur um z.B. den Hund zum Loslassen des Ziehtaues zu bewegen. Dagegen können Sie gut verschiedene Übungen wie SITZ und PLATZ ins Spiel integrieren, das erhöht häufig die Spannung und verknüpft die Kommandos mit etwas Positivem.

Motivation durch Futter

Beim Erlernen mancher Übungen und vor allem bei jungen Hunden ist es oft einfacher als Belohnung Futter einzusetzen. Die Grundvoraussetzung dafür ist natürlich eine hohe Attraktivität des Angebotenen. Bei vielen Hunden muss es sich allerdings um etwas ganz besonderes handeln, damit sie Interesse zeigen, weil sie einfach satt bzw. übersättigt sind. Die meisten richtig ernährten Hunde haben immer Hunger und sind leicht für Leckerlies zu begeistern. Grundsätzlich sollten Sie Ihren Hund 2-3 Stunden vor einer Übungseinheit nicht füttern, weil erwachsene Caniden üblicherweise in dieser Zeit nach dem Fressen ruhen. Dasselbe gilt übrigens auch für Spaziergänge. Auch bei uns Menschen gilt das Sprichwort "Ein voller Bauch studiert nicht gerne".

Wollen Sie intensiv mit Ihrem Hund üben, spricht nichts dagegen, ihn für einen Teil seines normalen Futters "arbeiten" zu lassen. Das hat nichts mit Bestechung zu tun, denn schließlich arbeiten wir auch nicht für ein paar gute Worte unseres Chefs, egal wie sehr wir ihn achten.

Wichtig ist, dass die Futterstückchen klein und nicht zu hart sind, so dass Ihr Hund die Belohnung sofort herunterschlucken kann und Sie nicht warten müssen, bis die kauende Bella wieder Ihnen ihre Aufmerksamkeit schenkt. Außerdem darf das Leckerlie nicht bröseln, weil sich Ihr Hund sonst angewöhnt, auf dem Boden nach Resten zu suchen.

Sie können auch verschiedene Leckerlies mischen, so dass Ihr Hund nie weiß, wann etwas eher Langweiliges oder etwas besonders Schmackhaftes zu erwarten ist.

Wichtig: Geben Sie Ihrem Hund nur dann Leckerlies, wenn er dafür etwas getan hat und wenn es nur SITZ war.




    2. Timing, Handlungsketten und Signalkontrolle

Das Erlernen neuer Verhaltensweisen


Ein Verhalten tritt dann verstärkt auf, wenn es belohnt wird. Die Art der Belohnung kann dabei sehr unterschiedlich sein. Besprochen wurde Belohnung durch Spiel und Belohnung durch Futter. Will aber z.B. ein Hund unbedingt mit anderen Hunden spielen, kann die Erlaubnis zum Spiel eine sehr große Belohnung sein - oder das Schnüffeln an einer Hausecke. Andere Hunde sind dagegen für Streicheleinheiten sehr empfänglich. Die größte Belohnung ist immer das, was der Hund gerade am liebsten will. Natürlich hat das seine Grenzen, wenn z.B. Ihr Hund am liebsten eine Katze jagen würde oder sich mit seinem Erzfeind anlegen möchte. Eine Belohnung kann aber auch unsere Beachtung sein, sogar wenn sie mit Schimpfen verbunden ist.

Wichtig: Das Gegenteil von Belohnung ist keine Belohnung

Vergessen Sie im Zusammenhang mit der Ausbildung ihres Hundes Strafen (etwas anderes ist das Einhalten von Tabus, wie z.B. beim Stehlen von Lebensmitteln). Sind Sie sich nicht sicher, dass Ihr Hund das erwünschte Verhalten unter allen möglichen Umständen und unter Ablenkung beherrscht, verunsichern Sie ihn durch Strafen nur und die Ausführung erwünschten Verhaltens wird gehemmt.

Der Zeitrahmen (Timing)


Unserem Hund können wir natürlich nicht erklären, welches Verhalten, das er gerade gezeigt hat, das richtige ist. Es ist kein Problem, unsere Kinder für gute Noten zu belohnen, obwohl die Leistung dafür schon Tage oder Wochen früher erbracht wurde. Aber unser Hund weiß nicht, für was er belohnt wurde, wenn das Timing nicht stimmt.

Wollen wir Blacky also SITZ beibringen, so muss anfangs die Belohnung in dem Moment erfolgen, in dem sie ihr Hinterteil nach unten bewegt. Ihr Erfolg ist umso größer, je genauer die Belohnung mit dem erwünschten Verhalten zusammenfällt. Hat Blacky nach mehreren Wiederholungen eine Ahnung davon, durch welches Verhalten sie eine Belohnung erhält, können Sie nach und nach die Belohnung etwas verzögern, so dass Blacky erst richtig und später eine gewisse Zeit lang sitzen muss, ehe die Belohnung kommt.

Dasselbe gilt natürlich für Strafen. Strafen haben nur dann die gewünschte Wirkung, wenn sie genau mit dem unerwünschten Verhalten zusammenfallen. Hat Ihr Hund in Ihrer Abwesenheit etwas angestellt, hat es keinen Sinn, ihn dafür zu strafen, wenn Sie zurückkommen. Er wird die Strafe mit allem möglichen verknüpfen, nur nicht dem, was er Minuten oder gar Stunden vorher getan hat. Er wird die Situation "Mensch kommt - Scherben liegen im Zimmer - Mensch ist sauer" unangenehm verknüpfen und entsprechendes Beschwichtigungsverhalten zeigen, was wir als schlechtes Gewissen interpretieren. Das wird ihn aber das nächste Mal nicht davon abhalten, wieder aufs Fensterbrett zu springen und die Blumentöpfe herunter zu werfen. Er ist einfach nicht in der Lage, der Logik der Geschehnisse zu folgen und so weit in die Zukunft zu denken.

Handlungsketten


Wollen wir unserem Hund etwas kompliziertere Handlungsabläufe beibringen, müssen wir diese Verkettung einzelner Verhaltensweisen auseinander nehmen und jedes einzelne Element getrennt üben. Als Beispiel dafür soll das richtige Heranrufen mit Absitzen, einer Übung aus der Begleithundeprüfung, dienen. Dabei sitzt der Hund in etwa 20 m Entfernung von uns und soll auf ein bestimmtes Hörzeichen (HIER) zu uns laufen und sich dicht vor uns gerade hinsetzen. Einem 4jährigen Kind ist das schnell erklärt und es kann die Anweisungen normalerweise richtig befolgen. Einem Hund jedoch müssen wir die einzelnen Verhaltensweisen erst einmal beibringen, mit einem Hörzeichen verknüpfen und dann sinnvoll kombinieren. Den Ablauf des Abrufens kann man in foglende Elemente zerlegen:

Sitz - Warten - schnell zu HF Laufen - ganz nah bei HF Stoppen - Sitz - Warten

a) Als erstes muss der Hund SITZ beherrschen. Das bedeutet, er kann SITZ auf Kommando und bleibt auch dort, egal was der HF tut und wo er ist.

b) Der Hund hat gelernt, so lange zu warten und seine Position nicht zu verändern, bis ein anderes Kommando kommt.

c) Der Hund läuft auf das Hörzeichen HIER schnell und in gerader Linie zu HF.

d) Kurz vor dem HF stoppt der Hund ab und kommt ganz dicht an den HF heran.

e) Direkt vor dem HF setzt sich der Hund gerade vor den HF hin und bleibt dort bis zum nächsten Hörzeichen.

Die Elemente a-e sollten alle einzeln eingeübt werden. Ehe ich erwarten kann, dass mein Hund sich auf das Hörzeichen SITZ sich setzt, so bleibt und das auch noch tut, wenn ich mich entferne, muss er erst einmal nur das Hinsetzen unter allen möglichen Umständen beherrschen. Klappt das gut, wird zusätzlich die Dauer geübt, aber man bleibt immer noch in der unmittelbaren Nähe des Hundes. Bleibt der Hund sitzen, bis ich etwas anderes sage, kann ich mit meinem Hund üben, dass ich mich immer mehr entferne. Dabei wird jedes richtige Verhalten belohnt, falsches Verhalten wird ignoriert und die Übung von neuem begonnen. Jedes einzelne Element der Handlungskette muss so unter verschiedenen Bedingungen geübt werden.

Beherrscht dann Fido das schnelle und gerade Herankommen und das dichte und gerade vor seinem Menschen Sitzen, werden die zwei Übungen kombiniert - also HIER + SITZ. Kann Fido auch SITZ (mit BLEIB) und HIER, können diese beiden Elemente kombiniert werden. Klappen beide Kombinationen einwandfrei, wird die komplette Handlungskette zusammengesetzt und geübt. Mit viel Üben und Belohnen des richtigen Verhaltens genügen irgendwann die Hörzeichen SITZ und HIER und der Hund führt das erwünschte Verhalten richtig aus.

Achtung Falle!

Leider unterlaufen uns Menschen bei der Ausbildung unserer Hunde immer wieder Fehler, die auf der Vermenschlichung des geliebten Vierbeiners beruhen. Wir gehen von unseren Fähigkeiten aus und übertragen sie auf Hunde. Und der größte Unterschied im Lernverhalten zwischen Mensch und Hund ist, neben dem völlig unterschiedlichen Verständnis von Sprache, die Fähigkeit des Menschen zu verallgemeinern, die der Hund nur in sehr geringem Maße besitzt.

Dazu ein Beispiel: Wir lernen in der Fahrschule in einer bestimmten Seitenstraße das richtige Einparken. Nach dem Verstehen der Ausführung und geduldigem Üben, beherrschen wir das. Wir können nun das Einparken überall ausführen - ganz egal wo wir uns befinden, ob viele oder wenig Menschen um uns herum sind oder welche Tageszeit es ist.

Ihr Hund aber ist anders. Angenommen Sie sind gemütlich im Wohnzimmersessel gesessen und haben Ihrem Bingo beigebracht, dass er eine Belohnung bekommt, wenn Sie SITZ sagen und er sich hinsetzt. Nach und nach mit häufigem Üben hat er das begriffen und macht die Übung auch dann gerne, wenn's nicht immer ein Leckerlie gibt.

Dann sind Sie eines Tages unterwegs und denken, dass es doch praktisch wäre, Bingo würde sich am Straßenrand hinsetzen, wenn Sie es sagen. Bingo läuft an der Leine vor Ihnen, Sie sagen SITZ und.....Bingo schaut Sie nur kurz an und beschäftigt sich weiter ausgiebig mit der neuesten Markierung am Gartenzaun. Bestenfalls sind Sie jetzt erstaunt, warum das mit dem SITZ nicht klappt, vielleicht reagieren Sie aber auch ärgerlich, weil Sie denken, Bingo kann ja schließlich SITZ und ist nur ungehorsam.

Die Wahrheit ist, Bingo hat es einfach noch nicht gelernt, dass SITZ immer und unter allen möglichen Umständen bedeutet, dass er sich hinsetzen soll. Für ihn heißt SITZ, dass Sie im Sessel zuhause sitzen, er vor Ihnen steht und sich dann, wenn Sie SITZ sagen, hinsetzt. Er kennt nur den speziellen Fall und ist nicht so einfach in der Lage, daraus abzuleiten, dass SITZ überall SITZ ist. Damit Bingo das Kommando SITZ verallgemeinert, müssen Sie ihm SITZ an verschiedenen Orten und mit unterschiedlicher Ablenkung beibringen. Natürlich sollten Sie die Ablenkung schrittweise steigern und immer wieder bei Null anfangen, wenn Bingo nicht so reagiert, wie er es eigentlich mit weniger Ablenkung gelernt hat.

Heutzutage verwendet man üblicherweise die Begriffe "Hörzeichen" und "Sichtzeichen" und nicht mehr wie früher das Wort Befehl. Hörzeichen sind Kommandos wie SITZ oder KOMM, aber auch ein Pfiff, Klatschen oder Schnalzen. Sichtzeichen sind Gesten, Bewegungen oder unsere Mimik, die von unseren Hunden oft leichter zu deuten sind als Worte.

Einführung von Kommandos (Signalkontrolle)


Führen Sie ein Hörzeichen erst ein, wenn Ihr Hund die Übung schon richtig ausführt. Angenommen, Sie üben mit Arco das Fußgehen. Anfangs werden Sie froh sein, wenn er ein paar Schritte so ungefähr neben Ihnen herläuft. Hin und wieder springt er an Ihnen hoch oder schnüffelt kurz am Boden. Würden Sie dieses Verhalten von Anfang an mit dem Hörzeichen FUSS verknüpfen, würde Arco davon ausgehen, dass das, was er gerade gemacht hat, Fußgehen ist. Er müsste während des Lernprozesses zum richtigen Fußgehen andauernd seine Vorstellung von dem, was FUSS bedeutet, ändern. Sie machen es ihm einfacher, wenn Sie geduldig solange üben, bis er wenigstens 10 Schritte sauber und konzentriert neben Ihnen läuft, seine Schulter auf Höhe Ihres Knies. Dann können Sie das entsprechende Hörzeichen einführen.
Bei neuen Übungen ist es übrigens für Ihren Hund viel einfacher, ein Sichtzeichen mit der richtigen Handlung zu verknüpfen als ein Wort. Häufig ergeben sich Sichtzeichen auch aus den entsprechenden Hilfen (z.B Handbewegungen) bei einer Übung. Wollen Sie Ihrer Tessa also PLATZ beibringen, so helfen Sie Ihr anfangs vielleicht, indem Sie die Hand mit einem Leckerlie nach unten führen. Nach und nach reduzieren Sie die Bewegung und haben auch kein Leckerlie zwischen den Fingern, aber eine leichte Bewegung der Hand nach unten reicht aus und Tessa macht PLATZ.

Grundsätzlich können Sie das von Ihnen gewünschte Verhalten mit Worten Ihrer Wahl verknüpfen. Ihrem Hund ist es ganz egal ob Sie SITZ sagen, wenn er sich setzen soll, STUHL oder BLUMENTOPF. Es muss nur immer dasselbe Wort für dasselbe Verhalten sein. Leute, die mit ihren Hunden Hundesport betreiben, verwenden oft eine große Zahl an Hörzeichen für ähnliches Verhalten. So ist es auch für "normale" Hundebesitzer oft sinnvoll, mehrere Hörzeichen für KOMM in unterschiedlicher Ausführung zu benutzen:
KOMM Hund geht mit HF mit oder kommt in seine Nähe
HIER Hund kommt auf direktem Weg schnell zum HF und setzt sich vor ihm hin
FUSS Hund kommt auf direktem Weg schnell zum HF und begibt sich in FUSS-Position
Der Vorteil ist, dass der Hund mit der Zeit sehr genau weiß, welches Verhalten man von ihm erwartet. Und häufig genügt es, dass der Hund aus Sicherheitsgründen kurz herkommt. Ein anderes Mal ist es dagegen wichtig, dass der Hund möglichst schnell beim HF und unter sicherer Kontrolle ist.
Andererseits ist ein Hund auch in der Lage, mit einem Kommando in verschiedenen Situationen unterschiedliches Verhalten zu verknüpfen. So kann das Hörzeichen FUSS bedeuten:

Situation:

Verhalten:

Hund sitzt vor HF

Hund läuft im Uhrzeigersinn um den HF und begibt sich in FUSS-Position

Hund sitzt in FUSS-Position links vom HF

HF geht los und Hund folgt in FUSS-Position

Hund befindet sich in Entfernung zum HF

Hund kommt direkt in FUSS-Position, egal ob HF steht oder geht

Voraussetzung für das sichere Ausführen des erwünschten Verhaltens ist immer die richtige Verknüpfung mit der richtigen Handlung und genug Übung.
Bei der Auswahl der Hörzeichen sollten Sie folgendes beachten:

  • das Hörzeichen sollte aus nicht mehr als 2 Silben bestehen.

  • Hörzeichen müssen sich deutlich voneinander unterscheiden. Die Worte SITZ und PLATZ unterscheiden sich für viele Hunde zu wenig voneinander, weil Hunde die Unterschiede bei Vokalen kaum wahrnehmen. Deutlicher wird der Unterschied, wenn Sie die Worte unterschiedlich betonen wie S I I ITZ (weich und freundlich ausgeprochen) und PLATTZZ (härter und kurz ausgesprochen).

  • Wählen Sie ein Hörzeichen, dass Sie überall verwenden können. Soll Ihr Paul endlich sein Geschäft erledigen, kann es etwas peinlich sein, wenn Sie das wortwörtlich so sagen. MACH FEIN klingt da wesentlich neutraler.

Wie auch bei uns Menschen macht der Ton die Musik. Wollen Sie dass Lumpi schnell und freudig zu Ihnen kommt, erleichtern Sie ihm das, wenn Sie das HIIIEER mit hoher, freudiger Stimme rufen. Gewöhnen Sie es sich an, ein Hörzeichen immer in derselben Tonlage und Betonung zu geben. Es ist auch nicht nötig, laut oder barsch zu sein, schließlich hört Ihr Hund wesentlich besser als Sie.

Etwas anderes es ist, wenn Sie Ihren Hund loben. Da können Sie vor Überschwang und Freude lauter werden. Ihr Hund soll merken, dass Sie sich freuen.

Abbruchkommandos dagegen wirken besser, wenn Sie mit möglichst tiefer Stimme gegeben werden. Auch Hunde drücken Ablehnung durch tiefe Töne aus. Hat Ihr Hund also etwas wirklich Schlimmes angestellt, ist es für ihn sicher etwas verwirrend, wenn Sie hektisch und mit hoher Stimme Zeter und Mordio schreien. Besser ist es, ihm drohend in die Augen zu schauen und mit tiefer Stimme bestimmt NEIN oder LASS DASS zu sagen. Vielleicht noch unterstützt durch einen Schnauzengriff.




    3. Trainingsaufbau, Shaping und variable Bestärkung

(nach oben)

Aufbau der Übungseinheiten


Grundsätzlich wird in einer Trainingseinheit nur eine neue Übung eingeführt. Bei dieser neuen Übung sollte man in den nächsten Einheiten solange bleiben, bis der Hund die Übung so gut beherrscht, dass man ein Hör- oder Sichtzeichen einführen kann und der Hund darauf reagiert. Bekanntes kann zu Beginn derselben Trainingseinheit wiederholt, gefestigt und verbessert werden.

Je jünger der Hund ist, desto kürzer muss die Trainingseinheit sein. Bei einem Welpen genügen 5 min. völlig, dafür kann man 4-5 Mal/Tag üben. Junghunde bis zu ½ Jahr können sich schon wesentlich länger konzentrieren, aber länger als 15-20 min. sind nicht sinnvoll. Außerdem muss man auch das Temperament und den Trainingsstand des Hundes berücksichtigen. Es ist immer besser, nach 3 wirklich guten Ausführungen aufzuhören als nach der 6.,auf grund mangelnder Konzentration ungenauen. Wie oft Sie eine Übung während einer Trainingseinheit wiederholen können, so dass Ihr Hund noch bei der Sache ist, müssen Sie ausprobieren. Manche Hunde machen nach der 15. Wiederholung noch begeistet mit, für andere sind mehr als 5 Wiederholungen desselben Ablaufs schon eine Zumutung.

Grob kann man eine Trainingseinheit in folgende Abschnitte einteilen:

  1. Eröffnung: Der Hund wird durch Spiel oder Futtermotivation in die richtige Stimmung gebracht. Er sollte lebhaft, in freudiger und erwartungsvoller Stimmung und auf seinen HF konzentriert sein.

  2. Einarbeiten: Der Hund soll einfache und bekannte Übungen ausführen und wird nach jeder richtigen Ausführung bestätigt. Dadurch steigt seine Sicherheit, bereits Gelerntes wird gefestigt und verbessert.

  3. Konzentriertes Arbeiten: Bekannte Übungen werden ausgebaut und verbessert. Die Belohnung erfolgt variabel. Neue Übungen werden eingeführt, Belohnung hier bei jedem Ansatz erwünschten Verhaltens.

  4. Ausklang: Die Traingseinheit wird immer mit einer erfolgreichen Übung beendet. Direkt danach folgt irgendetwas, was dem Hund zusammen mit dem HF Spaß macht, z.B. Zerrspiel, Fangspiel usw.

Variable Bestärkung und Shaping

Wenn Sie Ihrem Hund etwas Neues beibringen, werden Sie anfangs schon jeden Ansatz des richtigen Verhaltens belohnen. Soll z.B. Bine das Rückwärtsgehen auf Kommando lernen, wird sie anfangs schon für 1 Rückwärtsschritt belohnt. Nach 3 oder 4 richtigen Ansätzen gibt es die Belohnung nach 2 oder 3 Schritten. Nach und nach steigern Sie den Anspruch für eine Belohnung. Erwarten Sie z.B. 6 Rückwärtsschritte von Bine, bekommt sie die Belohnung mal nach 7 Schritten, nach 3 Schritten, dann wieder nach 5 Schritten und dann vielleicht wieder nach 7 Schritten.

Das Prinzip der variablen Bestärkung wird auch bei Spielautomaten eingesetzt. Die Gewinnausschüttung ist auf lange Sicht gesehen immer gleich schlecht. Interessant wird das Spiel durch die Hoffnung auf den Jackpot, der vielleicht irgendwann kommt, und die Durststrecken dazwischen.

Das nächste Mal können Sie dann die Zahl der belohnten Schritte um 8 pendeln lassen. Das nennt man variable Bestärkung. Dadurch ist die Übung für Bine interessanter und sie bemüht sich mehr. Eine weitere Möglichkeit der variablen Bestärkung ist es, im Schnitt jede 3. Ausführung nicht zu belohnen, d.h. 2 richtige Ausführungen werden belohnt, die dritte bleibt ohne Belohnung.

Hat Bine dann verstanden, was Sie unter ZURÜCK verstehen, und kann es schon ganz gut, kommt es Ihnen auf die genauere Ausführung des Verhaltens an. Bisher ist Bine zwar schön gerade rückwärts gelaufen, aber eher langsam. Ihr Ziel ist es, dass Bine sich schneller rückwärts bewegt. Deshalb wird Bine für jede deutliche Verbesserung des bisherigen Verhaltens besonders belohnt, sie bekommt einen Jackpot d.h. ein besonders beliebtes Leckerlie oder gleich eine Handvoll davon oder Sie spielen ihr Lieblingsspiel mit ihr. Bewegt sie sich dagegen langsamer zurück als sie es eigentlich schon gezeigt hat, bleibt die Belohnung aus. Dadurch wird ihr Verhalten in die von uns gewünschte Richtung geformt. Lernbiologen haben diese Vorgehensweise "Shaping" genannt.

Bei der variablen Bestärkung macht man sich ein Phänomen zunutze, das bei der Auslöschung unerwünschten Verhaltens auftritt. Cliff z.B. ist gewohnt, dass er auf sein aufforderndes Stupsen hin gestreichelt wird.

Das Verhalten Mensch anstupsen wurde durch Streicheleinheiten belohnt. Das Stupsen trat immer häufiger auf, bis Mensch genervt ist und beschließt, Cliff das Stupsen durch Nicht-Beachten abzugewöhnen. Als Folge davon bemüht sich Cliff durch noch mehr und heftigeres Anstupsen bis hin zu Übersprungshandlungen zum Erfolg zu gelangen. Das ist der sog. "extinction burst". Erst nach vielen vergeblichen Bemühungen und großer Ausdauer seines Menschen zeigt Cliff das unerwünschte Verhalten immer seltener, bis er es schließlich ganz sein lässt.

Sicher jeder von uns hat einen extinction burst schon am eigenen Leibe erfahren, wenn man z.B.mehrmals nacheinander erwartungsvoll Geld in den Kaffeeautomaten wirft und die Münze fällt immer wieder unten raus. Unsere Vorgehensweise wird dann immer heftiger bis wir schließlich in einer Übersprungshandlung dem Automaten einen kräftigen Schlag verpassen.

Belohnen Sie also erwünschtes Verhalten nicht jedes Mal, so wird Ihr Hund das bisher erfolgreiche Verhalten verstärkt zeigen. Voraussetzung ist natürlich, dass er sich schon sicher ist, welches das zum Erfolg führende Verhalten ist.

 

Autor: Silke Sandberg

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