Arbeitsanlagen und Zuchtbestimmungen

 

Vorneweg, ich bin absolut dafür, an der jetzigen Zuchtordnung etwas zu ändern, nämlich den Wesenstest als "Muss" und nicht mehr als "Soll" vorzuschreiben. Aber was ich nicht nachvollziehen kann, sind die Aussagen, dass man durch die Vorschrift der Dummyprüfung zu sehr in die rein jagdliche Arbeit gedrückt wird. Wer nicht will, muss für die Zuchtzulassung kein totes Tier in die Hand nehmen oder in der Gefriertruhe lagern. Verlangt wird nur Dummyarbeit. Für eine Zuchtzulassung mit Auflage reicht neben Wesenstest und BHP die Dummy A.

Doch zunächst mal aus der derzeitigen Praxis. Im Moment genügt es, wenn nur einer der beiden Deckpartner gezeigt hat, dass er zumindest ein paar Dummies diszipliniert apportieren kann. Ob der andere Deckpartner die nötigen Anlagen dazu mitbringt, bleibt im Dunkeln. Ich frage nun mal ganz provokativ: Was nützt mir ein grösserer Genpool in Deutschland, wenn ich nicht sehen kann, was drinsteckt?
Ich spreche jetzt nicht von den in Bezug auf Arbeitsanlagen "erfahrenen Züchtern", die auch ohne Prüfungen erkennen können, ob ein Hund gute Anlagen besitzt oder nicht. Diese können ohnehin mit ihren Zuchthunden die Auflagen problemlos erfüllen. Aber für diese Züchter wurd die Zuchtordnung ja nicht gemacht; sie wurde geschaffen, um eine evtl. vorhandene Unerfahrenheit auszugleichen
Ich denke schlicht und einfach einmal ca. 9 Jahre zurück, als wir mit unserer Alexa zu überlegen begannen, dass sie doch ruhig auch mal ein paar Welpen bekommen könnte. Wir wussten nicht einmal, wie ein Dummy ausah! Hätte uns damals die Zuchtordnung nicht gezwungen, hätten wir nicht mal die Begleithundeprüfung gemacht. Zumal wir von unserer Züchterin keine Betreuung hatten, weil wir von ihr nichts mehr gehört hatten. Hätte mich jemand gefragt, ob meine Hündin gute Anlagen hat, hätte ich sicher mit Ja geantwortet, da sie enthusiastisch Stöckchen apportiert. Und der Rüde? Ich machte mir keine großen Gedanken, gesund musste er sein, wesensfest und schön! Es war Glück, dass wir damals an verantwortungsvolle Ratgeber gekommen sind, die uns einen guten Rüden empfahlen, der, wie wir erst im Nachhinein selbst beurteilen konnten, gute Arbeitsanlagen besaß und auch weitervererbte.
Als wir dann den zweiten Hund in die Zucht bringen wollten, hatten sich zwischenzeitlich die Bedingungen verschärft, und man "brauchte" eine Dummy A oder JP/R. Also haben wir uns halt aufgerafft und mit unserer zweiten Hündin diese Hürde genommen. Durch dieses gezielte Training sind uns erst die Augen aufgegangen, was alles zu "guten Arbeitsanlagen" zählt. Das war weit mehr als Stöckchen apportieren. Jetzt waren Finderwille, Ausdauer, physische Härte, Wasserfreude, Spontaneität, genug Selbstbewusstsein, um die richtigen Entscheidungen aus Sicht des Führers zu treffen und nicht zuletzt Führigkeit gefragt. Da ging nicht mehr alles wie von selbst. Auch wir waren gefordert und es hat eine Menge Zeit und vor allem auch Bereitschaft zu lernen gekostet, was nun letztlich auch unseren Welpenkäufern zugute kommt.

Aber in erster Linie hat es uns dazu gebracht, zu sehen, in welchem Hund gute Arbeitsanlagen stecken und in welchem nicht. Wären wir nicht dazu gezwungen gewesen, hätten wir uns wahrscheinlich nie so intensiv mit diesem Bereich auseinandergesetzt und würden uns unter Umständen mit einer Begleithundeprüfung zufrieden geben. Vielleicht würden wir gar keine so schlechten Hunde züchten, aber könnten wir es wirklich objektiv beurteilen? Ganz zu schweigen von den vielen wunderbaren Momenten, die wir mit unseren Hunden erst erleben durften, nachdem wir die Schwelle von Spiel zur Arbeit überschritten hatten.

Die gleiche Bequemlichkeit, an der wir hauptsächlich durch den Zwang der Zuchtzulassung vorbeigeschrammt sind, unterstelle ich ohne weiteres auch einigen anderen Tollerbesitzern. Es ist nämlich viel einfacher nur zu sagen, der Hund hätte gute Anlagen, als es wirklich zu beweisen!

Ausserdem, warum sollte ein Deckrüdenhalter für die evtl. zu erwartende Deckprämie nicht auch etwas mit dem Hund leisten und so dem Hündinnenbesitzer zeigen, dass der Rüde die guten Anlagen auch umsetzen kann? Wenn ein guter Rüde die Rasse mit seinem Deckeinsatz weiterbringen kann und soll, dann liegt seinem Besitzer auch etwas daran, dass sein Hund nur Hündinnen deckt, die ebenfalls die Rasse zu verbessern in der Lage sind oder zumindest (ich spreche immer punkto Arbeitsanlagen) dem Rassestandard entsprechen. Wie will jemand das beurteilen, der sich selbst noch nie mit dem Thema Arbeitsanlagen beschäftigen musste?

Wie kann ich mit einem noch so großen Genpool z.B. das ererbte störende Lautgeben bekämpfen, wenn die Hunde nie danach selektioniert werden?

Wer sich entscheidet, mit seinem Toller zu züchten, sollte sich nach dem Rassestandard richten und danach ist der Toller nun mal eindeutig ein Lock- und Apportierhund! Sich eine Dummy-Prüfung nur für unsere Rasse zurechtzulegen, bei denen die Hunde dann zappeln und fiepsen dürfen, wie sie wollen, bringt die Rasse ganz bestimmt nicht weiter. Übringens steigt der Anteil derer stetig, die beweisen, dass eine Dummy A oder eine JP/R auch mit einem Ersttoller machbar ist.

Wenn die Selektion nach der Ausprägung bestimmter Triebe nicht erblich wäre (die Selektion nach Arbeitsanlagen ist nichts anderes), dann hätten wir doch nicht diesen immens großen Unterschied zwischen Jagd-, Schutz- und Hütehundrassen.

Wer glaubt, sich in Arbeitsanlagen so gut auszukennen, dass er gar keine Prüfungen zum Nachweis braucht, der müsste auch in der Lage sein, antrainiert von anlagebedingten Prüfungsleistungen unterscheiden zu können. Entsprechend würde er dann nur die anlagebedingt erfolgreichen Hunde zur Zucht einsetzen und die antrainiert erfolgreichen zurückstellen. Aber für derartige Spezialisten bräuchte es die Zuchtordnung nicht. Sie ist notwendig für Leute, die sich nicht so viele Gedanken und so große Mühe machen und einfach, aus welchen Gründen auch immer, züchten oder einen Deckrüden wollen. Meines Erachtens ist der Schaden, der durch wenig versprechende Paarungen entstehen kann, sehr groß. Ob als Nutzen zu werten ist, wenn zwei oder drei Hunde mehr in die Zucht kommen, die keinerlei Leistungsnachweis mitbringen, wage ich zu bezweifeln.

Wer sich die Mühe macht, zu vergleichen, wieviele Toller von leistungsorientierten und wieviele von nicht leistungsorientierten Züchtern an Dummy- oder Jagdprüfungen teilnehmen, würde bemerken, dass die Zahlen deutlich für sich sprechen. Ich glaube, gerade Rüdenbesitzer könnten viel für unsere Rasse tun, wenn sie öffentlich zeigen, was ihre Hunde von den ausländischen, nur auf Ausstellungen gezeigten Rüden abhebt, nämlich Aussehen UND Leistung.

Ich will auf jeden Fall weiterhin dafür appelieren, dass wir erst beweisen, was in unseren kleinen roten Flietzern steckt, bevor wir mit ihnen züchten und ich glaube, so ganz alleine stehe ich mit dieser Meinung nicht da.

erschienen im Schweizer Toller-Info, Mai 2003
Autorin: Doris Hoffmann (Zuchtstätte 'vom Lech-Toller-Nest'), Rassebeauftragte im DRC (VDH)