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Wohl
jedem Tollerbesitzer ist es schon passiert, dass er beim Spaziergang mit
seinem Hund von Passanten auf seinen hübschen Mischling' angesprochen
wurde, begleitet von den unterschiedlichsten Spekulationen, was da wohl
mitgemischt hat. Häufig erntet man dann sehr zweifelnde Blicke, wenn
man den für nicht Eingeweihte schier unaussprechlichen Namen nennt
- die meisten Tollerbesitzer haben das auch aufgegeben und bezeichnen
ihren Toller einfach als kanadischen Retriever.
Allerdings
wird das dem Toller nicht ganz gerecht, denn diese kleinste der sechs
Retrieverrassen ist weit mehr als nur ein Retriever und diese Besonderheit
hängt eng mit seiner Herkunft und Geschichte zusammen.
Die Heimat des Tollers: Nova Scotia
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Nova
Scotia ist eine Halbinsel vor der Ostküste Kanadas. Bereits
früh (17.Jhdt.) in der Geschichte der Neuen Welt wurde die
von fast allen Seiten von Meer umgebene Provinz von französischen
Auswanderern besiedelt. Im Gegensatz zu der sonst oft blutigen Geschichte
der Besiedlung von Amerika, pflegten die europäischen Neuankömmlinge
gute Beziehungen zu den dort beheimateten Mi'kmaq-Indianern.
Nova Scotia, in der Sprache der Ureinwohner Maliseet', hieß
in den fast 200 Jahren unter französischer Herrschaft Acadia'.
Erst als Acadia in seiner wechselhaften Geschichte am Ende des 18.Jahrhunderts
an die englische Krone ging,
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Nova Scotia
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wurde der Name in Nova Scotia = Neuschottland' umgeändert.
Um die neu erworbene Provinz zu einem treuen Mitglied des britischen Empires
werden zu lassen und jegliches Aufbegehren der französisch sprechenden
Bewohner zu unterdrücken, sollten die Acadier ihr Land verlassen.
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Die Rückkehr
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Da sie dies nicht freiwillig taten, wurden sie kurzerhand unter
unmenschlichen Bedingungen in den Süden der heutigen USA deportiert.
Familien wurden auseinander gerissen und mussten ihren gesamten
Besitz zurücklassen. Wer konnte, floh in die Wälder und
Sümpfe von Nova Scotias Landesinneren oder nach Kanada. Vor
allem an den schon länger kultivierten Küstenregionen
wurden englische und schottische Einwanderer angesiedelt. Nachdem
sich über die Jahre hinweg die Lage nach und nach wieder entspannte,
kehrten viele Acadier in ihre kanadische Heimat zurück.
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Welche dieser unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen
Neuschottlands war es, die als erste den unschätzbaren Wert von Lockhunden
entdeckte, die zudem auch noch die passenden Anlagen mitbrachten, die
erlegte Beute zu apportieren?
Aus alten Erzählungen ist bekannt, dass schon die
Mi'kmaq Enten und Gänse in die Nähe des Ufers lockten, indem
sie, versteckt im Uferdickicht, einen Fuchspelz so an Schnüren hin-
und herzogen, dass dies die Neugierde der Wasservögel weckte, die
immer näher schwammen. Mittelgroße Indianerhunde holten dann
die mit Pfeil und Bogen angeschossenen oder getöteten Vögel
ans Ufer, wie es viele der bei uns bekannten Jagdhunde auch tun würden.
Gehören diese Indianerhunde zu den Vorfahren des Tollers?
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Die erste schriftliche Erwähnung von Hunden, die zu den Vorfahren
des Tollers zählen könnten, stammt von dem Franzosen Nicholas
Denys, der von 1630 - 1670 Acadia bereiste und ein Buch (Nicholas
Denys, The Description and Natural History of the Coasts of North
America, trans. And ed. By W.F. Ganong, the Champlain Society, Toronto,
1908) über seine Eindrücke schrieb. Unter anderem beschrieb
er das dort zu beobachtende Verhalten von Füchsen: "Wenn
die Füchse sehen, dass sich das Wild nähert, rennen und
hüpfen sie; mitten im Sprung erstarren sie plötzlich und
legen sich auf den Rücken. Die Wildgans oder Ente nähert
sich dabei unablässlich. Wenn sie ganz nahe sind, bewegen die
Füchse nichts außer ihrem Schwanz
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Das einzige zeitgenössische Bild von Nicholas
Denys
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Diese Vögel sind so töricht, dass sie in dem Wunsch, nach dem
Schwanz zu picken, heran kommen. Die Roten nutzen ihre Chance und gehen
nicht fehl, eine zu fangen, die damit für ihre Bemühungen bezahlt."
Und nun kommt das Interessanteste: "Wir richten unsere Hunde dazu
ab, dasselbe zu tun und auch sie bringen das Wild dazu, sich zu nähern.
Man begibt sich in einen Hinterhalt an eine Stelle, wo einen das Wild
nicht sehen kann. Ist es in guter Schussweite, wird auf es gefeuert und
fünf oder sechs davon, manchmal auch mehr werden getötet. In
diesem Moment springt der Hund ins Wasser und wird immer weiter und weiter
hinaus geschickt; er bringt sie herein und wird dann geschickt, sie eine
nach der anderen zu holen." Das Einzigartige an dieser Schilderung
ist, dass Denys Lockhunde beschreibt, die nach dem Schuss die Beute auch
apportieren. Überall sonst wurden für diese zwei Aufgaben unterschiedliche
Hunderassen eingesetzt.
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Kann es also sein, dass schon die französischen Einwanderer
die Lockhunde aus ihrer Heimat mitbrachten und für ihre Bedürfnisse
weiter entwickelten? Das ist durchaus möglich, denn im 17.Jahrhundert
war der Einsatz von Lockhunden bei der Entenjagd im westlichen Mitteleuropa
durchaus üblich. Der einzige europäische Lockhund, der
noch heute mit seinem lebhaften, verspielten und sensiblem Wesen
seine Besitzer erfreut, ist das holländische Kooikerhondje.
Jan Steen, von dem das Gemälde links stammt, bildete sie häufig
ab. Und tatsächlich ähnelt dieser rotweiße Hund,
dessen Aussehen fast unverändert über Jahrhunderte erhalten
blieb,
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auffallend dem Toller, so dass viele Tollerkenner es für
sehr wahrscheinlich halten, dass er zu den Vorfahren der neuschottländischen
Entenlockhunde gehört.
Im 19. Jahrhundert war der gesamte Südwesten Nova Scotias,
der die eigentliche Heimat des Tollers darstellt, als "Little
River" bekannt. Fischfang und Jagd waren die wichtigste Einnahmequelle
der Bewohner und beinahe jeder war ein Acadier. Erst später,
weit im 20.Jahrhundert, entstanden daraus 4 Gemeinden: Melbourne,
Little River, Little River Harbour und Comeau's Hill.
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modernes Kooikerhondje
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In einem Artikel in Outdoor Atlantic (Nov 1979) drückt Bill Sutherland
seine Meinung aus, dass die Topographie dieser Gegend ein wichtiger Grund
war für die Bedeutung der Tollers für seine Bewohner und für
seine Entstehung genau in diesem Teil von Nova Scotia. Diese südwestlichen
Siedlungen der Acadier lagen in einem rauhen Land, das felsig, dicht bewaldet
und den stetig wechselnden Launen des Atlantiks ausgesetzt war. Durch
die Vielzahl von Süßwasserseen bestehen optimale Bedingungen
für Wasservögel, die zu Tausenden auch heute noch hier überwintern.
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Das
Bild entstand um 1903
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Der Little River Hund, wie der Toller damals noch
hieß, wurde seiner Meinung nach deshalb entwickelt, weil er
einfach überlebensnotwendig war. Man brauchte einen ausgezeichneten
Retriever, der den starken Gezeiten und den kalten, rauhen Gewässern
dieser Gegend widerstehen konnte und außerdem das Wild in
bequeme Schussweite der Musketen bringen konnte, so dass mit einem
minimalen Einsatz von Munition maximale Beute gemacht werden konnte.
Sicher wurden bei der Entwicklung des Tollers die
unterschiedlichsten Rassen eingekreuzt, die den Bewohnern Nova Scotias
geeignet erschienen, positive Eigenschaften beizusteuern oder eben
zufällig da waren. So zeigen einige heutige Toller eindeutig
Hüteverhalten, das ein Erbe der Old Farm Collies, Verwandten
von Australian Sheperd und Border Collie, sein könnte.
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Vermutlich haben auch Bretonische Vorstehhunde (Epagneul Breton), Welsh
Springer Spaniel und der inzwischen ausgestorbene Red Decoy Dog, ein Lockhund
aus England, eine Rolle bei der Entstehung des Tollers gespielt. Weiterer
Vorfahren könnten der Wavy Coated Retriever, ein Vorfahr von Flat
Coated und Golden Retriever, sowie frühe Labrador Retriever sein.
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Epagneul Breton
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Welsh Springer Spaniel
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Der kanadische Tollerliebhaber David Wood, der jahrelang versuchte, die
Geschichte und Herkunft dieser einzigartigen Hunde Nova Scotias zu ergründen,
war der Meinung, dass "sie seit mehr als 300 Jahren ein Teil dieser
Provinz sind, auch wenn sie häufig als eine Rasse beschrieben werden,
die in den sechziger Jahren des 19.Jahrhundert aus Hunderassen entwickelt
wurde, die mit größter Wahrscheinlichkeit erst nach dem Toller
auftauchten."
Weiter meint er: "Diese Geschichte wurde von einem örtlichen
Züchter verbreitet, der das Gefühl hatte, dass es dem Lock-
und Apportierhund eine Geschichte gab und dass diese besser wäre
als gar keine. Leute jedoch wie Avery Nickerson, Col.Cyril Colwell und
Nicolas Denys waren sich sicher, dass es sie hier so lange wie die Acadier
gab."
Links:
Artikel
von HAP Smith (John Norris Website)
Die
Geschichte Nova Scotias (englisch)
The
Book of Duck Decoys
The
Duckdogs: trap
The
Duckdogs: gun
* Der Text basiert auf den Büchern "The Nova
Scotia Duck Tolling Retriever von Alison Strang und Gail MacMillan und
"A Breed Apart" von Gail MacMillan.
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